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Harmonie vs. Schlagabtausch – wie streitet man sich richtig?

Ich habe noch nie gehört, dass meine Eltern sich streiten – und das, obwohl sie seit über 40 Jahren verheiratet sind. Natürlich werden sie sich ab und zu zanken, aber niemals vor den Augen ihrer Kinder. Bei der Familie meines Mannes hingegen verhält sich das ganz anders – da streitet man sich oft und lautstark, gerne auch vor Publikum. Und trotzdem sind meine Schwiegereltern ebenfalls seit vier Jahrzehnten glücklich verheiratet. Als mein Mann und ich uns kennenlernten, waren wir in dieser Hinsicht also grundverschieden geprägt und wir mussten einen Mittelweg zwischen meinem Harmoniebedürfnis und seiner offensiven Streitkultur finden.

Eine neue Herausforderung kam dann in Form unserer Kinder, denn bekanntlich kopiert man bei der Erziehung seiner eigenen Kinder doch oftmals den Erziehungsstil der Eltern. Während ich also darum bemüht war, mich nicht vor ihren Augen zu streiten, sah mein Mann keinen Sinn darin. Und je älter meine Kinder werden, desto hitziger werden auch ihre Auseinandersetzungen. Aber was ist der richtige Weg: Immer eitel Sonnenschein oder doch ab und zu ein lautstarker Wortwechsel?

Streitereien gehören zum Alltag dazu

Wenn wir ehrlich sind, dann ist ein Zusammenleben mit anderen Menschen ohne Streitereien nicht möglich, denn jeder Mensch ist unterschiedlich und hat andere Bedürfnisse. Wer stets auf Harmonie bedacht ist, muss immer zurückstecken und seine Wünsche völlig hintenanstellen – und wird damit auf Dauer sicher keinesfalls glücklich werden. Eine oft zitierte Aussage des berühmten Erziehungsexperten Jesper Juul lautet: „Wer nicht mindestens 25 Konflikte am Tag hat, hat keine bedeutungsvollen Beziehungen.“. Streitereien sind unumgänglich, wenn man mit Menschen zusammenlebt, sie gehören zum Alltag dazu. „Das Einzige, das wir uns aussuchen können, ist, wie wir uns ihnen gegenüber verhalten wollen, wenn diese aufkommen“, so der 67-jährige Däne.

Seine Bedürfnisse mitteilen

Ein zentraler Punkt sei es, seine eigenen Bedürfnisse klar zu formulieren, die anderen wissen zu lassen, was genau man will, sagt Juul. Nur so hat der Gesprächspartner überhaupt die Gelegenheit zu reagieren – und das totgeschwiegene Bedürfnis schlägt nicht in Frustration oder gar Wut um. „Ich will“ – das ist so eine Aussage, die man auch in der Erziehung oftmals zu umgehen versucht. Wie oft bittet man seine Kinder darum, in der Öffentlichkeit still zu sein, weil es angeblich „die Anderen“ stört? Wie häufig sagt man, zu viel Fernsehen sei nicht gut für Kinder statt einfach mal zu sagen „Ich will das so!“?

Natürlich werden die Kinder von unserem Beispiel lernen und ebenfalls lautstark ihre Bedürfnisse kundtun – und genau an diesem Punkt entstehen die in Juuls Augen notwendigen Konflikte. Wichtig ist dabei, die Wünsche der Kinder zu respektieren, denn sie sind nicht weniger Wert als unsere Wünsche. Dennoch sind Kinder und Erwachsene nicht gleichberechtigt. Wir Erwachsenen haben die Verantwortung und müssen deshalb auch die Erziehung übernehmen, so Juul. Wenn das allen Beteiligten klar geworden ist – natürlich nicht von heute auf morgen – dann gibt es zwar nicht weniger Konflikte, aber dafür mit der Zeit weniger Nörgeleien und Machtkämpfe.

Kinder dürfen sich streiten

Kinder streiten sich oft und lautstark – und aus unserer Sicht oft über Kleinigkeiten. Für Harmoniesüchtige wie mich ist es da schwer, sich einfach herauszuhalten und die Kinder den Konflikt alleine lösen zu lassen. Schnell rutscht mir da ein „Jetzt streitet euch doch nicht!“ heraus.

Jesper Juul rät dazu, nicht sofort in jeden Konflikt einzugreifen: „Überlege dir zuerst, warum du in den Konflikt der Kinder eingreifen willst. Ist es, weil du Konflikte hasst und einen Mangel an Konflikten mit Harmonie und Glück verwechselst? Falls es das ist, warte einen Augenblick! Ist es, weil der Konflikt zu destruktiv, zu verbissen ist? Falls es das ist, warte dennoch etwas, und sage dann: „Aufhören!“.“ Der Erziehungsexperte rät dazu, bei Streitereien zu vermitteln statt zu richten und zu werten. Es ist wichtig, die Kinder nach ihrer Perspektive und ihren Wünschen zu fragen und so dafür zu sorgen, dass sie sich zuhören und ihre Bedürfnisse klar formulieren. Nur so können Kinder lernen, sich konstruktiv zu streiten.

Darf man beim Streiten laut werden?

Ein Streit ist immer eine emotionale Angelegenheit – da fällt es oftmals schwer, die Ruhe zu bewahren. Muss man auch gar nicht, sagt Dipl.-Psych. Maud Winkler, die als Paartherapeutin und Coach für Führungskräfte arbeitet: „ Brüllen und Heulen kann auch eine Einladung sein!“. Vielen Paaren würde es danach leichter fallen, sich auf den Konflikt einzulassen. Außerdem bemerkt der andere, wie nahe einem das Problem geht. Entscheidend für einen Streit ist nicht die Lautstärke, sondern der gegenseitige Respekt. Wenn man jedoch merkt, dass das Gegenüber durch das Schreien verletzt wird oder – gerade bei Kindern – verängstigt reagiert, sollte man sich zusammenreißen und versuchen, seine Lautstärke zu kontrollieren.

Regeln für eine gute Streitkultur

Wenn man sich richtig und konstruktiv streitet, kann ein Konflikt sogar gut und förderlich für eine Beziehung sein. Dabei ist es wichtig, dass alle versuchen, sich an einige Streit-Regeln zu halten:

  • Eigene Bedürfnisse formulieren: Wichtig ist es, von den eigenen Wünschen zu sprechen und nicht den Partner mit Vorwürfen zu überfallen.
  • Pauschalisierungen vermeiden: Nennen Sie konkrete Beispiele und Fakten statt Pauschalisierungen wie „immer“ und „nie“ zu verwenden.
  • Beschimpfungen und Provokationen vermeiden: Sie dürfen ruhig etwas lauter und emotionaler werden, aber bleiben Sie respektvoll.
  • Perspektivwechsel: Versuchen Sie, sich auch einmal in die Lage Ihres Gegenübers zu versetzen.
  • Ausreden lassen: Statt sich schon Ihren nächsten Schachzug zu überlegen, hören Sie richtig zu und lassen Sie Ihr Gegenüber ausreden.
  • Einen neutralen Mediator hinzuziehen: Wenn Sie es nicht schaffen, den Konflikt alleine zu lösen, kann eine neutrale Person vermitteln. ABER:
  • Keine Einmischungen: Halten Sie andere z.B. Ihre Kinder aus dem Streit heraus, denn sonst zwingen Sie sie dazu, Partei zu ergreifen und belasten sie damit.
  • Zeit nehmen: Ein konstruktives Streitgespräch erfordert Zeit und sollte niemals unter Zeitdruck geführt werden.

Konstruktives richtiges Streiten vorleben

Es ist nicht schlimm, wenn Eltern sich vor den Augen ihrer Kinder streiten – vorausgesetzt, sie streiten sich konstruktiv und vertragen sich am Ende wieder. Und das Wichtigste: Sie verwickeln ihre Kinder nicht in den Streit! Kinder schauen sich sehr viel bei ihren Eltern ab und lernen von deren Verhalten. Es ist wichtig, dass sie lernen, dass ein Streit ganz alltäglich ist, dass man sich auch – oder gerade – mit den Menschen, die man liebt, streiten darf.

Natürlich sollten die Kinder aber auch sehen, dass man versuchen muss, einen Kompromiss oder eine Lösung zu finden, dass man nach einem Streit wieder aufeinander zugeht und sich verträgt. „Nur wenn wir wissen, wie sich Streit anfühlt, können wir Harmonie schätzen“, sagt der dänische Erziehungsexperte Juul dazu. Ach, und da ist sie wieder, meine geschätzte Harmonie – aber vielleicht kann eine kleine Auszeit von ihr hin und wieder wirklich nicht schaden, denn die Erfahrung lehrt mich ja, dass sie in der Regel schnell wieder einkehrt…

Video: Was ist Streit? Piggeldy & Frederick

Quellennachweis:




Kirsten Düspohl

Hamburgerin, Mutter eines Kindergarten- sowie eines Grundschulkindes, Magister in Germanistik, Pädagogik und Sozialpsychologie, freiberufliche Texterin (www.elbtexterin.de) sowie Gründerin eines kleinen Kinderlabels (www.puenktchenundpompon.de).

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