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„Mir ist so langweilig“ – warum Langeweile für Kinder wichtig ist!

Geben Sie mal bei Google „Kurse für Kinder“ ein – Sie werden sich wundern über die Vielzahl an vielfältigen Angeboten. Während wir früher in unserer Freizeit einmal die Woche zum Mannschaftssport gingen und vielleicht noch ein Instrument lernten, ist der Terminplan vieler Kinder heutzutage vollgepackt bis oben hin: montags Geige, dienstags Schwimmen, mittwochs Reitunterricht, donnerstags Nachhilfe, freitags Japanisch für Hochbegabte und am Wochenende findet dann natürlich noch ein sportlicher Wettkampf statt. Langeweile? Fehlanzeige!

Langeweile fördert die Konzentration

Eltern wollen für ihre Kinder nur das Beste, sie wollen sie nach Kräften fördern, damit sie später ein gutes Leben führen können. Dabei vergessen viele Eltern aber, dass sie Eltern und keine Entertainer sind. Die vollen Terminkalender der Kinder lassen kaum noch Zeit zum freien Spielen und Toben – und vor allem auch keine Zeit, um sich einfach mal zu langweilen! Dabei ist Langeweile ein ganz wichtiger Faktor für die Entwicklung von Kreativität. Nur wer sich langweilt, muss sich eine Tätigkeit überlegen, muss kreativ werden, kann sich selbst entdecken oder sich in Tagträumen verlieren. Diese Freiräume sind notwendig für die Entwicklung von Kindern und fördern ihre Fantasie.

Kinder müssen den Umgang mit Langeweile lernen

„Langeweile ist ein böses Kraut, aber auch eine Würze, die viel verdaut“

, schrieb schon Johann Wolfgang von Goethe.

Kein Kind langweilt sich gerne und jede Mutter und jeder Vater kennt den oftmals gefürchteten Satz „Mir ist soooo langweilig!“.1 Jesper Juul, der dänische Erziehungsexperte und Familientherapeut, kennt sich mit dieser Problematik aus und sieht das Positive darin:

„Die meisten Kinder erleben eine unangenehme innere Unruhe, wenn sie sich langweilen. Der Grund: Sie versuchen, eine Balance zu finden zwischen dem Konsumieren von externen Reizen und ihrer eigenen inneren Kreativität. […]Diejenigen, die die Unruhe vorbeiziehen lassen, kommen in Kontakt mit ihrer Kreativität. Unsere Kreativität ist der Raum, in dem wir uns spüren, uns selbst kennenlernen, uns selbst ausdrücken und die Erfahrung von Selbstverwirklichung machen.“

Warum Langeweile für Kinder wichtig ist?

Kinder langweilen sich zwar schnell, aber das Nichtstun ist meist nur flüchtig, denn es spornt Kinder dazu an, sich etwas einfallen zu lassen und macht sie damit auch ein Stück weit unabhängig.

„Kinder, die sich gelegentlich langweilen, werden eine größere innere Ruhe spüren, die ihre soziale Kompetenz fördert“

, so der Däne weiter. Es ist wichtig für Kinder, ab und zu auch mal einen Gang runter zu schalten, zu verschnaufen und zur Ruhe zu kommen.
„Mir ist so langweilig“ – warum Langeweile für Kinder wichtig ist!

Studien zeigen: Eintönigkeit beflügelt die Kreativität

Es gibt mittlerweile mehrere Studien, die belegen, dass Langeweile die Fantasie beflügelt. Es wurden verschiedene Untersuchungen durchgeführt, in denen Probanden zuerst eine langweilige Tätigkeit ausüben mussten und sich anschließend kreative Ideen einfallen ließen. Im Fall der Studie von Sandi Mann und Rebekah Cadman von der University of Central Lancashire ging es darum, zuerst Telefonnummern aus einem Telefonbuch abzuschreiben bzw. in einer anderen Versuchsgruppe sogar darum, die Nummern nur zu lesen. In einem anschließenden Kreativitätstest sollten sich die Teilnehmer dann viele Verwendungsmöglichkeiten für Styroporbecher einfallen lassen.

„In ihrem […] Experiment konnten die beiden Psychologinnen denn auch bestätigen, dass eine langweilige Aufgabe vor allem dann der Kreativität zugutekommt, wenn uns diese Tätigkeit den Raum lässt, dabei unseren Tagträumen nachzuhängen. […]Tatsächlich: Die Telefonnummernleser schnitten im anschließenden Kreativitätstest noch besser ab als die Telefonnummerntranskribierer.“2

Wenn man einer monotonen Beschäftigung nachgeht und sich dabei langweilt, dann können die Gedanken kreisen und man kommt auf wunderbare Ideen. Wer kennt das nicht: Man liegt abends im Bett, kommt langsam zur Ruhe und plötzlich fällt einem wie aus dem Nichts der Name des Bekannten, der Buchtitel oder der Punkt auf der To-Do-Liste ein, über den man den ganzen Tag in der Hektik des Alltags gegrübelt hat.

Zu viel Stress, zu wenig Langeweile

Apropos „Hektik des Alltags“: Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid3 im Auftrag des Unternehmens JAKO-O ergab, dass viele Erwachsene sich selbst durch Beruf und Privatleben gestresst fühlen. Fast 60 % der Befragten wünschen sich weniger Terminstress im Alltag, bei den 30- bis 39-Jährigen sind es sogar fast 80 %. Dabei ist das Gefühl von Überlastung kein Wunder, denn auch viele Erwachsene haben vergessen, wie man mal zur Ruhe kommt und sich langweilt.

Neben den ganzen Verpflichtungen und Terminen bilden Smartphone, Notebook, Bücher und Zeitschriften einen multimedialen Schutz vor Müßiggang und sorgen dafür, dass jede einzelne Minute des Tages gefüllt ist – und man sich erschöpft fühlt. Umso mehr verwundert es, dass sich viele Eltern noch zusätzlich mit dem Freizeitstress Ihrer Kinder belasten, sie täglich von A nach B chauffieren und auch den Kindern so viele Verpflichtungen zumuten.

Individuell und altersgerecht fördern

Es geht jetzt nicht darum, jegliche Art von Förderung und Hobbys abzulehnen, absolut nicht, denn allzu viel Langeweile kann ebenfalls Stress verursachen. Aber es sollte bei den freizeitlichen Aktivitäten nicht hauptsächlich um das Erreichen irgendwelcher ehrgeizigen Ziele gehen, sondern in erster Linie um Vergnügen.

Man sollte sich überlegen, wie man sein Kind sinnvoll und altersgerecht fördern kann statt es unsinnig zu überfordern! Wenn man nach dieser Devise lebt, dann ist das Leben für alle Beteiligten entspannter – und man hat genügend Zeit, sich gemeinsam einfach mal zu langweilen.

Quellen

  • 1Jesper Juul
  • 2 – „Langeweile macht kreativ“ (18.01.2013), in: Psychologie heute (Stand 07.04.2016)
  • 3 – TNS Emnid-Umfrage im Auftrag der Jako-o GmbH, 1.004 Befragte, Befragungszeitraum 04.09. bis 05.09.2012, Frage: „Wünschen Sie sich im Alltag weniger Termindruck?“



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Kirsten Düspohl

Hamburgerin, Mutter eines Kindergarten- sowie eines Grundschulkindes, Magister in Germanistik, Pädagogik und Sozialpsychologie, freiberufliche Texterin (www.elbtexterin.de) sowie Gründerin eines kleinen Kinderlabels (www.puenktchenundpompon.de).

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