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Homeschooling – Die Vor- und Nachteile des Hausunterrichts

Schule von zu Hause – vor Corona erschien dies kaum vorstellbar. Irgendwie haben die Schulen es aber doch hinbekommen, den Schülerinnen und Schülern während der Quarantäne die Bildung nicht vorzuenthalten. Je nach Schule, Bundesland und Familiensituation wurde dies mehr oder weniger gut umgesetzt. Einige Eltern sind nun auf den Geschmack gekommen. Denn das gemeinsame Lernen mit Kinder kann auch Spaß machen. Anderen Eltern fiel es wiederum unglaublich schwer, neben den Homeoffice-Aufgaben auch dem Kind bei den Schulaufgaben zu helfen. Doch welche Vor- und Nachteile bietet der Unterricht zu Hause?

Homeschooling ist nicht gleich Hausunterricht

Zuerst einmal müssen die Begrifflichkeiten abgegrenzt werden. Denn das Homeschooling, was wir unter Corona-Bedingungen nun kennengelernt haben, ist nicht gleichzusetzen mit Hausunterricht. Es ist nicht einfach nur das Lernen daheim, wo es online Hilfestellungen und Aufgaben von den Lehrern gibt. Hausunterricht bedeutet, dass die Eltern als Pädagogen gelten und die Kinder abseits von öffentlichen Schulen unterrichten.


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Ist Hausunterricht in Deutschland erlaubt?

Während in anderen Ländern lediglich eine Unterrichts- oder Bildungspflicht herrscht, gibt es in Deutschland eine Schulpflicht. Dadurch wird Hausunterricht gesetzlich verboten. Verstöße gegen dieses Gesetz werden mit Maßnahmen wie einem Entzug des Sorgerechts bestraft.

In Österreich und auch in vielen Kantonen der Schweiz ist der Heimunterricht allerdings, wie in vielen anderen Ländern, erlaubt. Der Schulabschluss erfolgt dann durch ein staatliches Examen.

Gesetzliche Ausnahmen

In Deutschland können aber auch einige Ausnahmen von dem Gesetz geltend gemacht werden:

  • Wenn ein ärztliches Attest oder Gutachten vorliegt, das bestätigt, dass das Kind voraussichtlich mehr als 6 Wochen krank sein wird, kann es zu Hause unterrichtet werden.
  • „Nicht beschulbare Kinder“ mit Verhaltensauffälligkeiten sind nicht schulpflichtig, wenn sie sich deshalb in einer freiheitsentziehender Einrichtung der Jugendhilfe befinden.
  • Kinder, die regelmäßig begründet an einem Schultag pro Woche fehlen würden (aufgrund von Rehabilitationsmaßnahmen beispielsweise), sind vom Gesetz ausgenommen.
  • Wenn das Kind mehr als die Hälfte des Jahres im Ausland verbringt, ist es nicht mehr schulpflichtig.
  • Kinder von Eltern, die beruflich sehr viel unterwegs sind (bspw. Zirkusdarsteller oder Schauspieler), können auch Hausunterricht bekommen.
  • Schwangerschaft während der Schulzeit kann ebenfalls ein Grund für Hausunterricht sein und wird vom Mutterschutzgesetz gedeckt.

In solchen Fällen müssen die Eltern einen Antrag an die Schule weitergeben, welcher an die Schulbehörde weitergeleitet und geprüft wird.

Keine Ausnahme gilt bei Eltern, die ihr Kind aus religiösen Gründen oder Ablehnung des Schulsystems zu Hause unterrichten möchten. Nicht selten müssen Familien in Deutschland vor Gericht, da sie aus religiösen Gründen ihre Kinder zu Hause unterrichten wollen. In einigen extremen Fällen fühlen sich Eltern so stark von der Schulpflicht eingeschränkt, dass sogar Auswanderungswünsche laut werden. So ist in den Asylanträgen, die an die Zielländer gestellt werden, als Grund für die Auswanderung manchmal sogar „politische Verfolgung“ zu lesen.

Für Familien wie diese gibt es mittlerweile allerdings genügend alternative Schulformen, die ihren Bedürfnissen angepasst wären. So können religiöse Eltern ihre Kinder beispielsweise auf konfessionelle Schulen schicken und müssen so nicht mehr mit Hausunterricht gegen das Gesetz verstoßen. Eltern, die mit dem allgemeinen deutschen Schulsystem nicht zufrieden sind, können beispielsweise Waldorf-Schulen oder Demokratische Schulen als Alternative in Betracht ziehen.

Die Vorteile des Hausunterrichts

Individuelle Förderung

In einigen Ländern wird der Hausunterricht sehr geschätzt. Denn Eltern haben bei dieser Unterrichtsform viele Freiheiten in der Unterrichtsgestaltung. Sie können genau auf die Bedürfnisse und Interessen ihres Kindes eingehen. Durch die individuelle Förderung können alle Faktoren, beispielsweise das Lerntempo, angepasst werden. Dies ist besonders für leistungsstarke Kinder eine willkommene Lösung, die sich an öffentlichen Schulen oft unterfordert fühlen.

Familiäre Atmosphäre

Die Lernatmosphäre ist bei den Eltern sehr ungezwungen. So leidet das Kind nicht unter Schulstress. Außerdem gibt es ohne die Mitschüler keine unnötigen Unterbrechungen, die beim Lernen stören könnten. Dies kann Kindern mit Konzentrationsschwierigkeiten beim Lernen helfen. Auch Kinder, die an der Schule gemobbt werden, sind ohne die Mitschüler im Umfeld ihrer Eltern entspannter.

Lernen – immer und überall

Durch die heimische Atmosphäre im Unterricht werden Schule und Freizeit nicht mehr getrennt, denn alles gilt plötzlich als Lernen. Die Freizeit kann auch individuell gestaltet werden – sogar zeitlich. Eltern und Kind können den Unterricht nach ihren Bedürfnissen zeitlich flexibel einteilen. Sogar die Ferienzeiten für den Urlaub können selbst gewählt werden und der Ferienandrang an Urlaubsorten kann umgangen werden.

Die Vorteile auf anderen Wegen erreichen

Deutschland verbietet zwar den Hausunterricht, aber die Lernmethoden werden hier auf anderen Wegen dennoch angeboten.

So wird beispielsweise an Montessori-Schulen die Devise „Hilf mir, es selbst zu tun“ vertreten, und die Kinder lernen ganz individuell. Für die leistungsstarken Kinder, die ebenfalls Abweichung vom staatlichen Lehrplan brauchen, sind Mehlhorn-Schulen eine willkommene Lösung. An Freinet-Schulen bekommen die Kinder sogar ihren ganz eigenen Lernplan von der Lehrkraft zugeteilt, der ihre individuelle Förderung stärkt.

Die familiäre Atmosphäre des Heimunterrichts wird einem an Jenaplan-Schulen geboten, wo jahrgangsübergreifendes Lernen angewendet wird, ganz wie das Lernen von älteren Geschwistern.

Und die Vermischung von Schule und Freizeit können Kinder an Internaten erfahren.

So ist für jedes Bedürfnis eine geeignete Schulform zu finden.

Die Nachteile des Hausunterrichts

Keine Chancengleichheit

Schulen sind ein Ort, an dem jedes Kind die gleichen Chancen erfahren soll. Ganz unabhängig vom Bildungsstand der Eltern oder anderen Faktoren des familiären Hintergrundes sollen Schulen jedem Kind die gleichen Einstiegschancen bieten.

Hausunterricht verwehrt diese Chancengleichheit. Dieser Unterschied war schon unter den Corona-Maßnahmen beim Homeschooling gut erkennbar. Nicht jedes Kind hatte dort die gleichen technischen Möglichkeiten zu Hause. Einige hatten schlechtes WLAN, sodass sie die Präsenzveranstaltungen nicht ohne Störungen mitmachen konnten, andere hatten keinen Drucker und wieder andere hatten gar kein technisches Endgerät zur Verfügung, weil die Eltern es zur Arbeit im Homeoffice benötigten. Seitens der Schulen wurde dann manchmal die Möglichkeit geboten, technische Geräte auszuleihen, aber nicht überall wurde dies gewährleistet.

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An dem Beispiel unter den Corona-Maßnahmen ist gut ersichtlich, wie Hausunterricht nicht jedem Kind die gleichen Chancen bietet. Beim Hausunterricht ist das Bildungsniveau der Eltern der ausschlaggebendste Faktor im Wert der Bildung des Kindes, während Schulen versuchen, diesen Faktor komplett auszuschließen.

Schule als Treffpunkt

Auch wenn Schulen eigentlich als Rückzugsort zum Lernen gelten, sind sie doch vor allem ein Ort, an dem Kinder ihre Freunde täglich treffen können. Als das tägliche Treffen mit Freunden in der Schule in der Corona-Pandemie wegfiel, haben viele Kinder ihre Freunde vermisst.

An Schulen können Kinder ganz nebenbei ihre Sozialkompetenzen erweitern. Beim Hausunterricht fehlen diese sozialen Kontakte. Dadurch bekommt das Kind nur eine mangelnde Vorbereitung auf das Leben außerhalb des häuslichen Umfeldes.

Unterrichtsfächer wie Theater, Musik oder Kunst fördern durch den Gemeinschaftsfaktor ebenfalls die Sozialkompetenzen der Kinder. Im Rahmen des Hausunterrichts sind sie aber nur sehr schwer durchzusetzen.

Keine Objektivität

Lehrer sind eine objektive Bezugsperson für die Kinder. Durch die gesunde Distanz, die sie zu den Kindern wahren, haben sie meist auch mehr Geduld. Eltern hingegen haben eine starke emotionale Bindung zu ihren Kindern. Daher fällt es ihnen manchmal schwer, zu unterrichten. Auch das ist unter Corona-Bedingungen deutlich geworden. Vor allem Eltern von Jugendlichen konnten ihnen nicht wirklich die tägliche Struktur bieten, die sie an der Schule erfuhren.

Aufwand

Für die Eltern ist der Hausunterricht mit hohem zeitlichen Aufwand verbunden. Lernstoff muss vorbereitet und entsprechende Materialien rausgesucht werden. Der zeitliche Aufwand trägt aber auch einen finanziellen Aufwand mit sich. Elternteile müssen entweder ganz auf den Job verzichten oder können nur Teilzeit arbeiten. Damit kann ein großer Teil des Haushaltseinkommens wegbrechen. Viele Eltern mussten das bereits während des ersten Corona-Lockdowns am eigenen Leib erfahren. Nicht vergessen werden sollten auch die Aufwendungen für das Schulmaterial, die beim Homeschooling selbst getragen werden müssen.

Fazit

Kinder zu Hause zu unterrichten sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Eltern sollten sich der zeitlichen und finanziellen Aufwände bewusst sein. Es muss in jedem Fall sichergestellt werden, dass die Chancengleichheit der Kinder gewahrt wird und einzelne nicht abgehängt werden. Wer allerdings in Deutschland lebt und eine alternative Bildung für sein Kind wünscht, sollte sich nach alternativen Schulkonzepten umsehen, die die Wünsche erfüllen, statt mit Hausunterricht gegen das Gesetz zu verstoßen.

Bildnachweis: ©gpointstudio / 123rf.com

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